Worte zur Sonntagspflicht

Etliche Diözesen betonen nach der Rücknahme der Infektionsschutzmaßnahmen für die Gottesdienste, die auch die Befreiung vom Gebot der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst einschloss, die Rückkehr zur Sonntagspflicht.
Wenn man bedenkt, dass laut der statistischen Erhebung der Deutschen Bischofskonferenz nur 4,3 % der deutschen Katholikinnen und Katholiken der Sonntagspflicht entsprechen, erscheint diese Forderung entweder sinnlos oder geradezu äußerst wichtig. Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit lässt mich nachdenken:
Für mich ist der regelmäßige Gottesdienstbesuch nie eine Frage gewesen, egal wie alt ich war und wo ich gelebt habe. Eine persönliche Christusbeziehung, die ich z.B. persönlich in der kontemplativen Meditation praktiziere, vertieft sich in der gemeinschaftlichen Form (communio), die ich im Gottesdienst, besonders bei der Kommunion erlebe. Gerade während meiner Auslandstätigkeiten schenkte mir der Gottesdienst und die jeweilige Ortsgemeinde eine sprachliche und menschliche Beheimatung.
Aber es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Meine Schwester z.B. war lange eine regelmäßige Kirchgängerin. In der Zeit ihrer Krebserkrankung konnte und wollte sie aber keinen Kirchenraum mehr betreten. Langsam ändert das sich etwas und Gottesdienste, denen unser priesterlicher Onkel vorsteht, der sie auch in der Krankheit begleitet hat, sind ihr wieder möglich. Ich denke auch an Personen, die sich schwer tun ihrem Glauben durch den Gottesdienstbesuch Ausdruck zu verleihen, weil der Partner/ die Partnerin mit Unverständnis reagiert. Konflikte ergeben sich so automatisch, die nicht immer ausgetragen werden können. Außer Bequemlichkeit und Desinteresse gibt es wohl noch andere Gründe, weshalb viele sich entscheiden, nicht zu kommen. Deshalb möchte ich niemanden verurteilen, der sonntags nicht zum Gottesdienst kommt. Abgesehen davon, ist das Sonntagsgebot (diese Begrifflichkeit finde ich viel ansprechender als „Sonntagspflicht“) auch kirchenrechtlich nicht absolut zu verstehen. Es gibt immer auch dort begründete Ausnahmen, wie z.B. Krankheit.
Aber dennoch. Den Gottesdienstbesuch zu etwas „unverbindlichem“ verkommen zu lassen, nimmt auch die menschliche Natur nicht ernst, der es manchmal geradezu gut tut, sich einer gesetzten Struktur anvertrauen zu können, als jeden Sonntag vor der Entscheidung zu stehen: „gehe ich?“ oder „gehe ich nicht?“. Einer der Grundsätze des Hlg. Benedikts „Halte die Ordnung, und die Ordnung wird dich halten“ hat zumindest in meinem Leben sich immer wieder bewahrheitet.
Wichtig ist mir bei dieser Thematik auch, an die Gläubigen zu denken, die im Jahre 304 in Nordafrika unter der Christenverfolgung des Kaisers Diokletian mit dem Wort „Sine dominico non possumus vivere“ (ohne Sonntag können wir nicht leben) lieber die Folter und das Martyrium auf sich nahmen, als auf den Sonntagsgottesdienst zu verzichten. Durch ihr Zeugnis ging die sonntägliche Erinnerungskultur an das Wirken Jesu weiter. Und das mindeste, was ich für die verfolgten Christinnen und Christen heute tun kann, ist im sonntäglichen Gottesdienst stellvertretend für sie zu beten, wenn sie das nicht öffentlich können.
Wenn Sie, die Sie diese Zeiten lesen, regelmäßig am Sonntag den Gottesdienst mitfeiern, dann geben Sie uns, die wir Gottesdienste vorbereiten und/oder ihnen vorstehen, doch gerne Rückmeldung, was gut tut oder fehlt, damit der Gottesdienst für Sie ein Ort der Glaubenstiefe und des persönlichen Krafttankens bleibt oder werden kann.
Und wenn Sie, die Sie diese Zeilen lesen, kein/e regelmäßige Gottesdienstbesucher/-in sind, dann probieren Sie doch mal für eine Zeitspanne (z.B. die sieben österlichen Sonntage) eine Regelmäßigkeit. Geben Sie der Regelmäßigkeit des spirituellen Innehaltens an der Schwelle der alten zur neuen Woche eine Chance. Vielleicht tut Ihnen diese Stunde für Gott und sich selber gut, vielleicht fällt ein Wort, das Sie anspricht, ein Lied das in Ihnen auf Resonanz stößt, eine Stille die Tiefe zulässt.
„Täglich öffnen sich gewohnte Türen und schlagen zu. Ewiger Gleichklang, Alltagstrott. Dazwischen leuchtet für dich golden der Sonntag. Schlüssel zur Freiheit.“ lese ich auf einer Klappkarte. Vielleicht ist der Sonntag tatsächlich so etwas wie ein goldener Schlüssel. Ein Schlüssel, der es ermöglicht einen neuen Zugang zu meinen Lieblingsmenschen, zu meiner Erholungsbedürftigkeit, zur Natur … zu finden und eben auch zu Gott.
Dr. Andrea Friedrich